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ANSEHEN DURCH AUSSEHEN Der schöne Mensch, sein Wert und seine Würde*

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Summary

There is hardly any area of life in which beauty does not play a central role, and it dominates as the central norm the aesthetics of clothing and the design of everyday objects. Human beauty not only satisfies a disinterested pleasure, it is not only a sexual-erotic signal, but it always seems to refer to other inner moral qualities such as character and social status. What is beauty? The author explores this question from different angles.

Zusammenfassung

Es gibt kaum einen Bereich des Lebens, in dem Schönheit nicht eine zentrale Rolle spielt und sie dominiert als zentrale Norm die Ästhetik der Kleidung und das Design von Gebrauchsgegenständen. Menschliche Schönheit befriedigt nicht nur ein interesseloses Wohlgefallen, sie stellt nicht nur ein sexuell-erotisches Signal dar, sondern sie scheint immer auch auf andere, innere, moralische Qualitäten wie z.B. den Charakter und den sozialen Status, zu verweisen. Was ist Schönheit? Dieser Frage geht der Autor aus verschiedenen Blickwinkel auf den Grund.


* Vortrag im Rahmen der Tagung “Ästhetische Chirurgie und Medizin” der Austrian Academy of Cosmetic Surgery and Aesthetic Medicine am 19. Oktober 2019 in Wien

 

“Schönheit” gehört zu den gleichermaßen umstrittenen wie unhintergehbaren Begriffen der europäischen Kultur. Es gibt kaum einen Bereich des Lebens, in dem Schönheit nicht eine zentrale Rolle spielte. Im Alltag stellt Schönheit einen Wert dar, der von der Geburt (dem “schönen” Baby) bis zum Tod (der “schönen” Leich’) präsent ist, Schönheit bestimmt in hohem Maße Erotik und Sexualität (der “schöne” Körper, “schöner” Sex), Schönheit grundiert die Ziele und Wunschvorstellungen unserer Lebenspraxis (die “schöne” Wohnung, der “schöne” Urlaub, das “schöne Haus”, ein “schöner” Abend) und Schönheit dominiert als zentrale Norm die Ästhetik der Kleidung und das Design der Gebrauchsgegenstände.

 

Was aber ist Schönheit? Eine der berühmtesten Definitionen von Schönheit findet sich nur in einer Fußnote. In seinen Reflexionen Über die Liebekommt der französische Schriftsteller Stendhal (d.i. Henri Beyle, 1783-1842) zu dem Schluss, dass für denjenigen, der eine hässliche Frau einer schönen Frau vorzieht, offenbar die Hässlichkeit wohl Schönheit bedeuten muss. Und in einer Anmerkung heißt es dazu: “Schönheit ist nur ein Versprechen von Glück.” Dieser Gedanke setzte sich fest und wurde zu einer der berühmtesten Schönheitsdefinitionen. Was aber verspricht das Schöne? Bei Stendhal meldet diese Bestimmung wohl einen Vorbehalt an. Schönheit ist nur ein Versprechen des Glücks, nicht seine Erfüllung. Der Anblick der Schönheit weckt Erwartungen, Begierden und Sehnsüchte, stellt aber nicht selbst dieses Glück dar. Schönheit erfüllt sich nach dieser Bestimmung nicht allein in ihrer Erscheinung, sondern gewinnt ihre tiefere Bedeutung dadurch, dass sie auf etwas anderes, Zukünftiges verweist. Schönheit lässt uns ahnen, dass es mehr in der Welt gibt als das Nützliche und das Unnütze, als unmittelbare Lust und unmittelbares Leid. Frei von diesen Empfindungen ist aber auch die Erfahrung des Schönen nicht. Als Glücksversprechen verheißt Schönheit durchaus lustvolle Befriedigung, als bloßes Versprechen aber, das sich nicht selbst einlösen kann, schwingen Vergeblichkeit, Enttäuschung bis hin zur Zerstörung und Selbstzerstörung in diesem immer schon Versprechen mit. Schönheit ist immer auch ein Risiko.

 

Menschliche Schönheit befriedigt deshalb nicht nur ein interesseloses Wohlgefallen, sie stellt nicht nur ein sexuell-erotisches Signal dar, sondern sie scheint immer auch auf andere, innere, moralische Qualitäten zu verweisen. In der modernen Attraktivitätsforschung haben zahlreiche Untersuchungen immer wieder zu ein und demselben Ergebnis geführt: Schönen Menschen werden wesentlich öfter auch andere positive Eigenschaften zugeschrieben als Menschen, die man als hässlich empfindet. Ein gutes Aussehen steigert in der Tat den Wert eines Menschen, sein Ansehen in der Gesellschaft, und dieses soziale Ansehen resultiert aus unserer Möglichkeit, einen Menschen anzusehen und nach seinem Aussehen zu bewerten.

 

Auch wenn die wissenschaftlichen Beweise für einen strikten Zusammenhang von Aussehen und Charakter ausgeblieben sind, verhalten wir uns im Alltag so, als ob schönere Menschen tatsächlich auch die besseren Menschen wären und deshalb eine andere Art der Aufmerksamkeit und Zuwendung verdienen als weniger attraktive Menschen. Das beginnt damit, dass schöne Kinder von ihren Lehrern bevorzugt werden, das setzt sich darin fort, dass schönere Menschen vor Gericht die besseren Chancen haben, und endet damit, dass attraktive Verkäufer und Verkäuferinnen erfolgreicher sind als weniger attraktive. Und dass schönere Menschen als erotische Objekte begehrter sind als weniger schöne, versteht sich fast schon von selbst. Schöne Menschen haben offenbar mehr vom Leben. Die einschlägigen psychologischen Experimente untersuchen allerdings nur den Zusammenhang zwischen Attraktivitätszuschreibungen und damit verbundenen Einstellungen, stellen also keine objektiven Kriterien für Schönheit zur Verfügung. Präziser müsste man also sagen, dass wir Menschen, die wir für schön halten oder die unserem Schönheitsempfinden entsprechen, anders gegenübertreten als körperlich von uns für unattraktiv erachteten – und dies gilt auch dann, wenn wir solchen Stereotypen bewusst aus dem Wege gehen wollen.

 

Was aber sind nun die Merkmale, die ein menschliches Gesicht als schön erscheinen lassen? Empirische Untersuchungen zu dieser Frage gibt es seit langem, und sie galten in der Regel dem weiblichen Gesicht, auch wenn mittlerweile klar geworden ist, dass physische Attraktivität für beide Geschlechter von annähernd gleich großer Wichtigkeit ist. So haben Studien, bei denen männliche Probanden aufgefordert wurden, weibliche Gesichter zu beurteilen, gezeigt, dass folgende Faktoren für ein attraktives Aussehen maßgeblich sind: Große Augen, kleine Nase, kleines Kinn, hohe Wangenknochen, schmale Wangen, hohe Augenbrauen, große Pupillen und ein offenes Lächeln. Folgeuntersuchungen bezüglich männlicher Schönheit brachten ähnliche Ergebnisse, allerdings dominierte dabei das kräftige Kinn. Bei Frauen spielt allerdings das “Kindchenschema” eine nicht zu unterschätzende Rolle. Eigenschaften des kindlichen Gesichts wie volle Lippen, überproportional große Augen und eine zarte Kinnpartie machen in der Regel ein weibliches Gesicht schöner. Aber Vorsicht: Die Schönheit lässt sich durch Verstärkung dieser Merkmale nicht beliebig steigern. Überproportional aufgespritzte Lippen erzielen mitunter den gegenteiligen Effekt, sie führen nicht zu einem schönen Gesicht, sondern zur Verzerrung und Entstellung eines schönen Gesichts.

 

Abgesehen davon, müssen diese Faktoren bei beiden Geschlechtern noch durch drei wesentliche Dimensionen ergänzt werden. Glatte Haut, symmetrische Gesichtszüge und Jugendlichkeit. Damit allerdings rückt auch das moderne Schönheitsempfinden in die Nähe der seit Jahrtausenden tradierten Schönheitsideale. Die durch Magazine, Medien und Modelle verbreiteten schönen Körper entsprechen dann auch oft nicht nur in der Pose den antiken Idealen, sondern auch in fast allen anderen Merkmalen, was etwa Körperbau, Muskeln, Schultern, Hüften und – wieder – die glatte Haut betrifft. Und je nach Mode und Zeitgeist schwanken auch hier Ausdrucksmöglichkeiten zwischen männlich-kräftigen Gestalten und androgynen Figuren, die eher an Adonis denn an Herkules erinnern.

Die Schönheit als Geschenk der Natur ist das eine. Die Schönheit als Resultat von Training, Kosmetik und Chirurgie ist das andere. Der tatsächliche oder auch nur unterstellte Zusammenhang zwischen physischer Schönheit, sozialer Akzeptanz, erotischem Erfolg und beruflichen Karrierechancen hat das Begehren nach Schönheit in den letzten Jahren zu einem dominanten Aspekt der modernen Gesellschaft erhoben, der Schönheitskult hat Hochkonjunktur. Was verbirgt sich hinter diesem Trend? Bedeutet dies die Unterwerfung der Menschen unter das Diktat einer immer umfassenderen Schönheitsindustrie oder einen weiteren Schritt zur Selbstgestaltung des Körpers und damit zur Selbstbestimmung? In aktuellen Diskussionen wird die Frage der Schönheitschirurgie mitunter in einem umfassenderen Kontext gesehen, in dem es generell um die Frage der Manipulation und Modifikation des eigenen Körpers. Es stellt sich die Frage, ob bei diesen Versuchen der Körper tatsächlich nur den Diktaten und Vorstellungen einer medial vermittelten Schönheitsindustrie unterworfen wird, oder ob es dabei auch um eine Form der Körpererfahrung, letztlich der physisch-ästhetischen Selbstbestimmung geht.

Allerdings: Das Schöne ist nie nur das Gefällige, das Adrette, das Attraktive, das Hübsche, das Reizvolle oder das ästhetisch Ansprechende. All das kann das Schöne auch sein. Aber Schönheit geht über einen einfachen Reiz der Sinne immer hinaus. Wenn wir ein Bild, eine Landschaft, einen Menschen, eine Situation, eine Stadt, ein Gespräch, einen Text oder eine Begegnung “schön” nennen, dann wollen wir damit eine Gesamtheit beschreiben, nie nur einen Aspekt. Ein schönes Gespräch besteht nicht nur aus ein paar gelungenen Pointen, sondern dadurch soll eine komplexe Situation charakterisiert werden. Wenn wir im Alltag, in der Kunst oder in der Natur etwas “schön” nennen, meinen wir in der Regel, dass etwas in besonderer Weise geglückt, in sich stimmig, als Gesamtheit gelungen ist. Gerade weil im Leben und in der Wirklichkeit dieses Gelingen so selten ist, sind die Momente des Schönen fast immer auch von einer leichten Melancholie begleitet. Das gilt auch für alle Versuche, sein Ansehen durch ein gutes Aussehen zu steigern.

 

Korrespondenz-Adresse

Univ. Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann
Professur für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik
Institut für Philosophie der
Universität Wien
Universitätsstraße 7/III (NIG)
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konrad.liessmann@univie.ac.at

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Es liegt kein Interessenkonflikt vor.

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