Lippen-Behandlungen: Bedeutung, Patientenerwartungen, multimodale Möglichkeiten

Kosmetische Medizin sprach mit Dr. Rosalia Luketina – Fachärztin für Plastische und

Ästhetische Chirurgie (Zürich), Dr. Hermann Koebe – Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und Dr. Dr. Norman Koebe – Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, beide Düsseldorf.

 

Die Lippe war 2025 das am häufigsten behandelte Gesichtsareal [1]. Insbesondere die sozialen Medien haben das Interesse an ästhetischen Behandlungen erheblich gesteigert [2-4].

 

Gefragt sind ein natürlicher Look & Feel, eine perfekte Form und Kontur und glatte, hydratisierte Lippen. Ärzte bedienen die individuellen, vielfältigen Patientenbedürfnisse unter anderem mit multimodalen Behandlungskonzepten wie die neue AA Signature™ LIPS, die die Lippenform und -struktur sichtbar verbessern sowie den perioralen Bereich glätten kann [5-8]. Doch wie geht man mit unrealistischen Erwartungen seitens der Patienten um? Warum sind insbesondere Lippenbehandlungen so zentral für den Gesamteindruck des Gesichts? Und worauf sollten Ärztinnen und Ärzte präventiv achten? Im Interview beantworten uns drei Fachärzte für Plastische und Ästhetische Chirurgie diese und weitere wichtige Fragen.

 

 

KM: Welche Bedeutung kommt den Lippen für die Gesamtästhetik des Gesichts zu?

 

Norman Koebe: Die Lippen gehören zu den prägendsten Strukturen des Gesichts und haben einen sehr hohen Einfluss auf die ästhetische Gesamtwirkung [15]. Sie befinden sich im Zentrum der Mimik und sind damit permanent in Bewegung ­– beim Sprechen, Lächeln oder während des Essens oder Trinkens. Dadurch wirken sie besonders lebendig und ziehen die Aufmerksamkeit intuitiv auf sich.

 

KM: Beschränkt sich die Lippenaugmentation ausschließlich auf die Volumensteigerung?

 

Rosalia Luketina: Nein, ganz im Gegenteil. Die moderne Lippenästhetik hat sich stark weiterentwickelt. Neben Volumen stehen Aspekte wie Hydration, Definition der Konturen und eine subtile Projektion im Vordergrund [16]. Die schönsten Lippen erkennt man daran, dass sie nicht „gemacht“ wirken.

 

Dr. Hermann Koebe: Kaum ein anderer Bereich der ästhetischen Medizin erfordert ein derart präzises Vorgehen wie die Behandlung der Lippen. Meiner Meinung nach entscheiden bereits minimale Veränderungen über Symmetrie, Proportion und natürliche Ausstrahlung [16].

 

Dr. Dr.  Norman Koebe: Im Fokus steht nicht das „Mehr“, sondern das „Wie“. Entscheidend ist dabei die Auswahl eines passenden Fillers, eine professionelle Injektionstechnik, die eine harmonische Integration des Fillers gewährleistet und das Risiko einer Fillermigration minimiert [9-11].

 

KM: Aus welchen Gründen sollte Ihrer Meinung nach der periorale Bereich in eine ganzheitliches ästhetischen Behandlungskonzept einbezogen werden?

 

Rosalia Luketina: Weil Ästhetik nie isoliert funktioniert. Der periorale Bereich beeinflusst jede Lippenbehandlung [11,16]. Ohne ein Verständnis für das Gesicht als Ganzes sowie das untere Gesichtsdrittel entsteht keine echte Harmonie [17].

 

Hermann Koebe: Exakt. Wer diesen Bereich ausspart, riskiert ein unvollständiges oder unharmonisches Ergebnis [17]. Erst die gezielte Behandlung des gesamten perioralen Komplexes ermöglicht meiner Meinung nach eine stimmige, natürliche Gesamtästhetik.

 

KM: Welche Faktoren sind bei der Behandlung der Lippen entscheidend für ein natürliches und ästhetisch harmonisches Ergebnis?

 

Norman Koebe: Ein natürliches und ästhetisch harmonisches Ergebnis basiert in erster Linie auf einem präzisen Verständnis der individuellen Anatomie und der bestehenden Proportionen [11]. Jede Lippe ist einzigartig in Form, Volumenverteilung, Dynamik und Einbettung in das Gesamtgesicht [18]. Diese Individualität zu erkennen und zu respektieren, ist die Grundlage jeder erfolgreichen Behandlung [11,17].

 

KM: Welche Komplikationen können auftreten, und wie sollten diese adäquat gemanagt werden?

 

Rosalia Luketina: Mit der richtigen Patientenauswahl, aseptischen Behandlungstechniken und profunden Anatomiekenntnissen sind schwerwiegende Komplikationen bei Lippenbehandlungen selten [19-21]. Wichtig ist, nicht nur die Prävention von Komplikationen, sondern vor allem die Fähigkeit, erste Anzeichen frühzeitig zu erkennen [21]. Hier zeigt sich die Bedeutung fundierter Ausbildung und kontinuierlichen Trainings. So muss man als Behandler auf alle Nebenwirkungen fachkundig vorbereitet sein, um diese zu erkennen [21] und entsprechend behandeln zu können – beispielsweise der Gefäßverschluss gebietet ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Expertise [21]. Eine allergische Reaktion oder ein schweres Injektionstrauma sind ebenfalls schwerwiegende Nebenwirkungen, die sofort behandelt werden müssen [21].

 

Hermann Koebe: Für den sehr seltenen Ausnahmefall bedarf es eines standardisiertes Notfallmanagements inklusive Hyaluronidase^ (Hylase). So sind beispielsweise die Juvéderm® VYCROSS® und HYLACROSS® Produkte auflösbar [26–34,º,#]. Meiner Meinung nach sind bei korrekter, schichtgerechter Injektion Nebenwirkungen jedoch selten; selbst Hämatome treten in der Regel kaum auf. Moderne, eher oberflächliche Injektionstechniken bewegen sich im sicheren anatomischen Bereich [22,23].

 

KM: Wie gehen Sie mit unrealistischen Erwartungen seitens der Patienten um?

 

Norman Koebe: Oft hilft es, die Aufmerksamkeit weg von isolierten Idealvorstellungen hin zur Gesamtwirkung des Gesichts zu lenken.17 Wenn sich im Gespräch zeigt, dass die Erwartungen dauerhaft nicht mit einem verantwortungsvollen Behandlungskonzept vereinbar sind, gehört es auch zur ärztlichen Verantwortung, eine Behandlung abzulehnen.

 

Rosalia Luketina: Transparente Kommunikation spielt eine zentrale Rolle. Ich nehme mir Zeit für eine umfassende Aufklärung und bespreche realistische Ergebnisse im Detail. Wenn Vorstellungen nicht mit einem natürlichen oder sicheren Resultat vereinbar sind, lehne ich die Behandlung ab.

 

KM: Inwiefern haben Ihrer Meinung nach soziale Medien die Wahrnehmung und Nachfrage nach Lippenbehandlungen beeinflusst?

 

Rosalia Luketina: Social Media hat die Erwartungen deutlich verändert – häufig in Richtung Überkorrektur [24]. Gleichzeitig entstehen durch Schlagworte wie „Russian Lips“ oder „Butterfly Lips“ vereinfachte Trendbilder, die meiner Meinung nach die Komplexität der Behandlung unterschätzen und teilweise banalisieren.

 

Hermann Koebe: Vollere Lippen sind sichtbarer geworden und genießen heute eine größere Akzeptanz – teils bis hin zu sehr ausgeprägten Formen. Gleichzeitig hat sich das Patientenspektrum differenziert: Jüngere, Beauty-affine Patienten wünschen bewusst markante, voluminöse Lippen im Sinne aktueller Trends, während eine eher konservative Klientel, z.B. positive Ager, sich klar von überbetonten Ergebnissen distanzieren und dezente Resultate bevorzugen [16]. Wir müssen daher das komplette Spektrum der Lippenaugmentation sicher beherrschen – von subtiler Auffrischung bis zur deutlichen Volumengebung.

 

KM: Welche präventiven Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht am effektivsten zur Vermeidung von Überkorrekturen und Filler-Migration?

 

Norman Koebe: Überkorrekturen entstehen häufig nicht durch einen einzelnen Eingriff, sondern durch wiederholte, zu großzügige und zu schnell aufeinander folgende Volumengaben [9]. Vor jeder Behandlung evaluiere ich neu, welche Strukturen tatsächlich Unterstützung benötigen und welche nicht. Meiner Erfahrung nach ist weniger hier oft mehr:

Kleine, präzise dosierte Mengen, schrittweise appliziert, führen in der Regel zu stabileren und natürlicheren Ergebnissen als großvolumige Korrekturen innerhalb einer Sitzung.

 

Hermann Koebe: Zur Vermeidung von Filler-Migration spielt die exakte Platzierung eine entscheidende Rolle [9,10]. Eine unfachmännische Applikation sowie eine Überfüllung bestimmter Areale erhöhen das Risiko, dass sich das Material verlagert oder unnatürlich verteilt [9,10].

 

Rosalia Luketina: Sehr wichtig ist die Produktwahl, insbesondere hinsichtlich Kohäsivität und Elastizität [25].

 

Dies sind zentrale Eigenschaften, die sich von Filler zu Filler unterscheiden [25]. Um ein unnatürliches und überkorrigiertes Ergebnis zu vermeiden, müssen die Eigenschaften, muss also das Produkt zu dem jeweiligen anatomischen Bereich passen. Oft ist meiner Erfahrung nach, eine Kombination vorteilhaft, wie es z.B. das multimodale Behandlungskonzept AA Signature LIPS vorsieht.

 

Vielen Dank für das informative Interview.

 

Referenzen:

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  4. Seetan K, Y et al. Aesthetic Plast Surg. 2025 Mar;49(5):1469–1477.
  5. Juvéderm® VOLBELLA® with Lidocaine Gebrauchsanweisung, Juli 2020.
  6. Juvéderm® VOLIFT® with Lidocaine Gebrauchsanweisung, September 2019.
  7. SKINVIVE by JUVÉDERM® Gebrauchsanweisung, November 2024.
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  9. Fakih N et al. Facial Plast Surg. 2022;38(2):173–176.
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  15. Kar M, et al. Acta Otorhinolaryngol Ital. 2018 Feb;38(1):67-72.
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º Alle Juvéderm® VYCROSS® und HYLACROSS® Produkte enthalten Lidocain.

 

# Juvéderm ® ULTRA 4 wurde nicht auf die enzymatische Degradation untersucht.

 

^ Hyaluronidase hat keine Zulassung für die Auflösung von Hyaluronsäure-Dermalfillern, kann jedoch als Rescue-Medikation in Betracht gezogen werden. Geeignete Behandlungsansätze sollten immer auf der Grundlage einer klinischen Beurteilung beruhen.

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