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Der Ästhetische Patient – Teil 1: Eine zielgruppenspezifische Analyse

The aesthetic patient - part 1: a target group specific analysis - that disturbed me

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Schlüsselworte

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Summary

Generally spoken we divide aesthetic patients into two different groups. From the medical marketing point of view we therefore can speak about two different target groups, namely those patients who wish to correct age related changes of the skin status or contour and on the other hand the group of patients who suffer from disorders of their harmony.

Zusammenfassung

Im Prinzip unterscheiden wir 2 verschiedene Gruppen von Patienten, die wegen eines ästhetischen Problems die Praxis aufsuchen. Aus dem Blickwinkel des Marketings können wir deshalb auch von zwei verschiedenen Zielgruppen sprechen, mit denen wir es in der ästhetischen Medizin zu tun haben. Wir unterscheiden hier klar voneinander zwei Patientenbedürfnisse, nämlich einerseits den Wunsch, altersbedingte Veränderungen der Kontur oder der Haut zu behandeln und andererseits die Gruppe der Patienten, die unter Störungen der Harmonie leiden.


Zielgruppe I

 

Die Zielgruppe der altersbedingten Veränderungen

In einer immer älter werdenden Gesellschaft nimmt es nicht Wunder, dass diese Gruppe die zahlenmäßig bei weitem größte Gruppe von Patienten ausmacht. Erfolgreich tätig zu sein bedeutet hier, die Probleme dieser Zielgruppe sehr gut zu verstehen. Es ist allgemein bekannt und bedarf eigentlich keiner großen Erwähnung, dass die Ursachen für Veränderungen des Erscheinungsbildes durch den Alterungsprozess vielfältig und von Patient zu Patient sehr unterschiedlich sein können. Dieses Wissen verpflichtet dazu, bei jedem einzelnen Patienten hinter die Fassade zu schauen und ganz konkret die Ursachen zu entdecken, die zu der sehr persönlichkeitsbezogenen Veränderung geführt haben. Wichtig erscheint dies auch deshalb, weil sowohl psychisch-physische Faktoren hier ineinandergreifen als auch die individuellen Lebensumstände entscheidend dazu beitragen, wie sich die Veränderungen darstellen, abgesehen von den extrinsischen und intrinsischen Faktoren.

 

Eine holistische Sichtweise, die sowohl die Altersveränderungen – so gut es zum gegebenen Zeitpunkt unter Berücksichtigung der finanziellen Situation des Patienten möglich ist – therapeutisch behebt, zu mindestens jedoch minimiert, als auch präventiv den Alterungsprozess zu verlangsamen vermag, ist heute vom aufgeklärten Patienten gewünscht. Zu dieser ganzheitlichen Betrachtung gehört in jedem Fall dazu, den Status Quo nur als eine Momentaufnahme eines Prozesses zu betrachten, den man zu begleiten hat, die psychischen Auswirkungen der Konfrontation mit dem Altern und damit letztendlich mit dem eigenen Tod zu berücksichtigen und die Behandlungen mit möglichst niedrigem Interventionsgrad durchzuführen, denn dies versteht der moderne Patient unter schonender und ganzheitlicher Behandlung. Zusätzlich erwartet er heute die medizinische Aufklärung darüber, wie er sein Verhalten verändern kann, also wie er sich aktiv an der Therapie beteiligen kann, damit der post therapeutisch verbesserte Zustand möglichst lang erhalten bleibt. Langfristige Patientenbindung – und dies ist das klar definierte Ziel bei dieser Zielgruppe – kann nicht mit einer schnellen Behandlung der Glabella entstehen, sie entsteht vielmehr dadurch, dass der Patient das Vertrauen gewinnt, der behandelnde Arzt verstehe seine Situation zur Gänze. Wie aber sollte dies möglich sein ohne eine ausreichende Beschäftigung mit dieser seiner sehr spezifischen Situation?

 

Diese hier zusammengefassten Aspekte wurde von Autoren der Globalhealth Akademie für Ästhetische Medizin bereits in vielen Publikationen im Detail analysiert und beschrieben. Um Wiederholungen zu vermeiden, wollen wir uns an dieser Stelle auf die hier erarbeitete Zusammenfassung beschränken [1].

Zielgruppe II

 

Die Zielgruppe der Harmoniestörungen

Wie bereits erwähnt gibt es neben den altersbedingten Veränderungen viele Aspekte, die die Harmonie stören können, und die oft rein ästhetisch sind, manchmal aber auch gesundheitliche Probleme bereiten können.

 

Diese Störungen betreffen nicht nur das Aussehen. Neben dem Gesichtssinn sind häufig auch andere Sinne involviert: Übermäßiges Schwitzen oder Mundgeruch betreffen den Geruchssinn, eine schiefe Nase kann auch gesundheitliche Probleme bereiten und ein Absinken unserer Oberlider kann dazu führen, dass wir nicht mehr richtig sehen können.

 

Das richtige Alter für die Intervention

Oft gibt es Störungen, die von Geburt an da sind, was uns die Frage aufwerfen lässt, ab welchem Alter denn solche Störungen beseitigt werden können und sollen?

In der ästhetischen Medizin gibt es eigentlich einen ehernen Grundsatz, nämlich den, dass unsere Patienten volljährig sein sollten, also über ihr Leben selbst bestimmen können. Aber wie dies bei Grundsätzen so ist, es gibt sie meist nicht ohne Ausnahmen.

 

Volljährigkeit ist ein juristischer Begriff. Der medizinische Begriff dazu lautet analog, dass die Person, die behandelt werden will, zu mindestens voll ausgewachsen sein sollte.

Aber auch dieser medizinische Grundsatz kennt seine Ausnahmen. Wir möchten diese Problematik hier ein wenig ausführlicher besprechen. Sie alle haben ein Bild von Michail Gorbatschow vor Augen. Von Geburt an hatte er ein Naevus Flammeus auf seiner Stirn, im Volksmund auch als Feuermal bezeichnet. Diese Störung ist die am häufigsten vorkommende Gefäßfehlbildung bei Kindern. In seiner Zeit als Parteichef wurde das Feuermal von der Parteipropaganda oft wegretuschiert, später ist er mit dieser Disharmonie sehr gut klar gekommen. Heute kann diese Fehlbildung ohne größere Probleme therapiert werden mit einem Laser. Es bedarf keines immensen Aufwands, ein Feuermal zu entfernen. Sollte man damit bis zur Volljährigkeit warten und dem Kind dadurch eine schwierigere Kindheit zumuten? Beantworten Sie sich die Frage selbst. Neben dem Feuermal gibt es eine ganze Reihe von Fehlbildungen der Haut, beispielsweise die Hämangiome, die zu noch größeren Störungen der Harmonie führen können oder etwa größere Muttermale an der falschen Stelle.

 

Hier ein anderer Fall, der das Gegenteil zeigt: Ein 14jähriger Junge kam in eine Praxis wegen der Behandlung seines Ohrkeloids. Das Keloid hatte ca. die Größe einer Kirsche. Im Gespräch stellte sich heraus, dass vor allem die Eltern des Jungen an einer Entfernung interessiert waren, dem Jungen war es vielleicht nicht egal, aber ihm war es nicht wichtig, er hatte viel drängendere Probleme, zum Beispiel die nächste Klassenarbeit. Ein Fall für die Therapie? Wie beurteilen Sie den Fall? Der aufgesuchte Arzt hat unter diesen Bedingungen die Behandlung abgelehnt.

 

Wir haben Ihnen diese Beispiele dargestellt, weil wir möchten, dass Sie zustimmen: Ärzte sollten immer den ganz konkreten Einzelfall bewerten mit der Einschränkung, dass möglichst viele Störungen der Harmonie erst dann durchgeführt werden sollten, wenn die Volljährigkeit erreicht ist.

 

Mit welchen Störungen haben wir es dabei insgesamt zu tun?

 

Disharmonien und Fehlbildungen der Haut

Dies betrifft alle Hautkrankheiten, die sichtbar sind sowie Fehlbildungen wie die oben beschriebenen. In diese Rubrik fallen außerdem alle sichtbaren Narben, vor allem die Typen, die einen positiven harmonischen Gesamteindruck schmälern können wie hypertrophe Narben, Keloidnarben und Aknenarben.

 

Zu groß, zu klein, zu schief, falsch gewachsen

Unter diese Rubrik können wir vor allem solche Disharmonien aufnehmen, die über operative Verfahren behandelt werden.

 

Die Brustvergrößerung ist die zahlenmäßig am häufigsten durchgeführte ästhetische Operation. Warum sie sich solcher Beliebtheit erfreut hat vielfältige Gründe, die wir hier nicht diskutieren wollen. Wichtig ist uns, dass der Wunsch zu einer derartigen chirurgischen Intervention unbedingt von der betroffenen Person selbst kommen muss. Wenn der Partner die Brustvergrößerung will ist dies nicht hinreichend, vielmehr sollte der Partner auch damit einverstanden sein.

 

Nasenoperationen werden häufig nicht allein aus ästhetischen Gründen durchgeführt. Oft begleiten medizinische Gründe den ästhetischen Eingriff. Hier können viele verschiedene Gründe zu einem Veränderungswunsch führen: Schiefheit, Größe, Nasenbeinbruch oder Verwachsungen (Hakennase), aber auch Atembeschwerden können den Wunsch zu einer Veränderung beflügeln.

 

Auch die Brustverkleinerung wird häufig nicht allein aus ästhetischer Motivation heraus durchgeführt. Zu große Brüste können zu Haltungsschäden führen, die dann chronische Schmerzen verursachen. Aber es gibt auch viele Patientinnen, die sich einfach disproportioniert fühlen.

 

Die Otoplexie ist beispielsweise ein Eingriff, der wie bekannt häufig auch schon in jugendlichem Alter durchgeführt wird, um den Kindern die bekannten Schmähungen zu ersparen. In diese Kategorie gehört ebenso das Schielen, das heute auch operativ korrigiert wird.

Weitergehende Störungen

Wir hatten bereits übermäßiges Schwitzen erwähnt, die wohl bekannteste olfaktorische Störung. Viele Patienten fühlen sich unwohl, wenn ihnen die Störung bewusst wird, entweder weil sich die bekannten Flecken in den Achselhöhlen bilden, weil die Hände immer nass sind oder aber weil andere sie auf den Geruch aufmerksam machen. Wohlgemerkt, Schwitzen ist eine sehr sinnvolle Körperreaktion. Nur bei denen, wo diese aus dem Ruder läuft, sind therapeutische Maßnahmen angemessen. Für diese Indikation gibt es eine ganze Reihe von chirurgischen und minimal invasiven Verfahren.

 

Mundgeruch ist ein Problem, das durch keine ästhetische Intervention zu lösen ist. Hier sind andere Fachdisziplinen gefordert, um helfend einzugreifen.

 

Psychische Störungen

Auch psychische Störungen können wie bereits im Detail erläutert zu einem schlechten Selbstbild führen [2]. Nur soviel wollen wir hier dazu sagen: Ist die schlechte Eigenwahrnehmung des Patienten durch eine psychische Störung verursacht, sollten Sie als Arzt dies keinesfalls negativ bewerten. Sie sollten aber unbedingt wissen, dass es keine ästhetische Intervention gibt, die daraus einen Ausweg anbieten könnte. Was auch immer ästhetisch verändert wird, nichts wird dem Patienten dabei helfen, sein schlechtes Selbstbild zu verlieren.

 

Die medizinische Indikation

Ob ästhetische Interventionen bei körperlichen Disharmonien medizinisch notwendig sind, wird in einem breiten Diskurs diskutiert. Viele Hautfehlbildungen beispielsweise werden von den Kassen übernommen, was immer auch einen gesellschaftlichen Konsens signalisiert, dass sie medizinisch notwendig sind. Umgekehrt gibt es einige Therapien, die aufgrund ihrer Studienlage tatsächliche Hilfe anbieten können, wo aber die Kassen eine Kostenübernahme bislang ablehnen, etwa bei der intraläsionalen Kryochirurgie zur Beseitigung von Keloiden; einfach deshalb, weil diese Therapien noch nicht in die entsprechenden Empfehlungen zur Behandlung aufgenommen sind. Alle übrigen Indikationen wie Brustvergrößerungen etwa werden in keinem Fall von den Kassen übernommen und gelten damit als nicht medizinisch indiziert.

 

Hier setzt der Diskurs und die Auseinandersetzung zwischen ästhetisch arbeitenden und allen übrigen Ärzten ein. Wir Ästhetiker sind nämlich grundsätzlich der Ansicht, dass wir die Präambel der Weltgesundheitsorganisation ernst nehmen sollten und dass es keine Unterscheidung von medizinisch und ästhetisch indiziert geben darf.

 

Wir möchten hier nicht leugnen, dass bei schweren Erkrankungen wie beispielsweise Krebserkrankungen die uneingeschränkte Übernahme durch unser Kassensystem eine andere Bedeutung hat, als wenn wir uns „nur“ damit beschäftigen, dass sich Menschen wohler fühlen. Auch wir sehen den Unterschied, der auf den ersten Blick so lautet, dass wir es einerseits mit einer lebensbedrohlichen Krankheit zu tun haben, während andererseits bei der Ästhetik die akute Bedrohung nicht im Vordergrund steht. Wir wollen auch nicht so vermessen sein und die Kostenübernahme von ästhetischen Behandlungen durch die Kassen fordern.

Dennoch gibt es hier die Notwendigkeit zur Auseinandersetzung, denn auch eine psychische Unzufriedenheit – und dies zeigen die steigenden Zahlen der psychischen Probleme – kann letztlich zum Tod führen, zumindest aber dazu, dass man sich nicht wohl fühlt und an Lebensqualität verliert. Wer sich der medizinischen Ethik verpflichtet fühlt, die sich in der Präambel der WHO widerspiegelt – nämlich allen Menschen durch Medizin zu helfen, einen Zustand vollständiger Gesundheit zu erreichen, der sich darin zeigt, dass man sich rundum wohlfühlt – der ist auf der richtigen Seite, unabhängig davon, ob eine Gesellschaft beschließt, dass derartige medizinische Behandlungen Privatsache von Patienten sind und von diesen deshalb selbst bezahlt werden müssen. Unsere Argumentation richtet sich nicht gegen diesen gesellschaftlichen Konsens, sie richtet sich nur gegen die Begründung der medizinisch notwendigen Indikation, weil diese immer eine Diskreditierung der Ästhetik darstellt.

 

Zielgruppenspezifische Unterschiede

Die Differenzierung in die hier genannten zwei Zielgruppen hat auch eine weitergehende Bedeutung. Eine Harmoniestörung muss behoben werden. Ist sie behoben, gibt es für den Patienten keinen Grund für weitergehende ästhetische Behandlungen. Ist das Feuermal weg, ist die Brust vergrößert, sind die Ohren angelegt oder die Nase gerichtet, hat der Patient den ihn störenden Makel also beseitigen lassen, ist die für ihn wichtige Seite seiner Harmonie mithin erreicht worden, wird er normalerweise den behandelnden Arzt nicht länger in Anspruch nehmen, es sei denn, er wurde dazu angeregt, andere ihn störende Aspekte auch behandeln zu lassen. Dies ist jedoch nicht der Normalfall.

 

Bei dem alternden Patienten ist die Sache von vornherein eine andere. Sein Bedürfnis, das gebildet wurde aus der Selbstbetrachtung seiner altersbedingten Veränderungen, besteht vielmehr darin, diese und die dann noch folgenden Veränderungen seines Status Quo von einem Arzt begleiten zu lassen, denn er weiß um die Prozesshaftigkeit seines äußeren Erscheinungsbildes. Es erscheint uns sehr wichtig, diese beiden vollkommen unterschiedlichen Motivlagen zu benennen und im Weiteren auch beim Umgang mit dem Patienten zu berücksichtigen. Bei letzeren Patienten liegt keine Störung der Harmonie vor, sondern eine Abweichung von jugendlichen Formen.

Korrespondenz-Adresse

Dirk Brandl
Mühlenstraße 19
d
D-48317 Drensteinfurt
brandl@network-globalhealth.com

Conflict of Interests

Dirk Brandl ist Sprecher der Globalhealth Akademie für Ästhetische Medizin, Michael Weidmann (FA für Dermatologie) und Peter Mikowsky (FA für Plastische und Ästhetische Chirurgie) sind Dozenten der Akademie.

Literatur

1. Neunteilige Reihe der Kontroversen in der Ästhetischen Medizin - die Rahmenbedingungen, Reihe über die Kompositorische Ästhetik des Gesichts, Artikel Verkaufen ohne zu Verkaufen, alle Artikel erschienen in der Kosmetischen Medizin.
2. Lettko M, Brandl D: Kontroversen in der ästhetischen Medizin. Die Rahmenbedingungen 8: Die soziale Ohnmacht der Schönheit. Kos Med 36: 74 – 80.

Ausgabe

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